Interview

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Etwa im gleichen Alter wie Cinderella war, dürfte Christina jetzt sein. Mit 24 Jahren hat die gebürtige Bambergerin jetzt endlich einen „Schuh“ gefunden, der ihr „ein völlig neues Lebensgefühl“ gibt. Was es mit dem besonderen Bezug zu dem Märchen auf sich hat, lest ihr hier.

Mit Prothese aktiv auf Instagram, Youtube und Facebook

Wer Christina Prosthetics einmal googelt, der gelangt schnell zu den sozialen Kanälen der sportbegeisterten Blondine: Laufbilder, ein leckerer Snack oder cool bei den Bizepscurls – man sieht, Christina ist sportlich unterwegs. Nur eine Sache ist anders. Das ist die Sache mit ihrem Bein. Im Unterschied zu Sophia Thiel, Bodykiss und Kayla Itsines konnte Christina bis vor knapp vier Monaten keine Kniebeugen machen oder einen kurzen Sprint einlegen. Das liegt daran, dass das linke Bein der jungen Frau seit Geburt an um 15 cm verkürzt ist. Doch kein Grund, um nicht ganz normal Sport zu machen, wie Christina vor drei Jahren feststellte.

Eigentlich wollte sie nur ein bisschen abnehmen, ‚Frauenkurse‘ wie Bauch-Beine-Po und Zumba besuchen, zu ihrer großen Leidenschaft wurde dann aber der Kraftsport. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich Christina für eine solch auffällige, aber funktionelle Sportprothese entschied?

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Sport als Passion

Als die Wahl-Stuttgarterin vor drei Jahren entdeckte, dass Sport ihre bisher verborgene Passion ist, gingen damit auch anderen Gedanken einher. „Beim Fitness merkte ich, dass ich gar nicht so anders bin, ich konnte meinen Sport machen und dabei einfach abschalten.“ Das war jedoch nicht immer so. Lange haderte Christina mit ihrer körperlichen Einschränkung, die nicht nur Joggen oder das Tragen von kurzen Hosen für sie unmöglich machte, sondern auch den Schuh- und Hosenkauf zum Schlechte-Laune-Garanten werden lies. Daneben natürlich auch der Zeitaufwand mit dem Gang zum Prothesentechniker und die körperlichen Beschwerden mit Druckstellen und Überlastung des gesunden Beines.

Ob sie jemals gehänselt wurde? „Nein, eigentlich nie, seltenst einmal ein dummer Spruch“ – aber wieso dann die Hemmungen wegen des Beins? Die Blicke seien das Schlimmste und natürlich Mitleid, auch wenn das ein körperlich fitter Mensch natürlich nicht immer beabsichtigt. Ich merke, dass ich mich selbst seit Beginn unseres Treffens bisher nicht traute, auf ihr Bein mit der Prothese zu schauen und schelte mich innerlich: Schließlich treffe ich mich extra aus diesem Grund mit ihr.

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Der Kampf im Kopf

Christina erzählt von ihrer mentalen Entwicklung, seitdem sie mit dem Sport begonnen hatte. Zunächst trainierte Sie nur mit der Prothese, die sie bis dato hatte: Eine Art Nachbildung eines Beines, das aufgrund der „guten Kosmetik“ kaum auffällig war. Das heißt, die Verarbeitung, die Übergänge und die Farbe waren so naturgetreu, dass sie einem ‚echten‘ Bein auf den ersten Blick weitgehend glichen. Nach und nach fühlte sie sich in ihrem Körper wohler und stellte sich selbst vor neue Herausforderungen: Das war das Trainieren mit kurzer Hose (und zunächst hautfarbener Strumpfhose), sodass ein Blick auf ihre Prothese möglich war.

Immer wieder legte die fitnessbegeisterte Grafikerin die Messlatte höher. Irgendwann wurde nur noch mit kurzer Hose trainiert, egal, wie sie sich fühlte. Der Kampf mit dem Kopf, mit dem inneren Ich wurde zur täglichen Routine, was sie zunehmend besser meisterte. Doch eine Sache blieb: Die alte Prothese machte nicht jede Art von Sport mit. Durch den flachen Fuß sah die Prothese zwar gut aus, ein abrollen, wie es fürs Laufen notwendig ist, war nicht möglich. Auch Kniebeugen oder ein Training an der Beinpresse war ob der hohen Belastung nicht machbar.

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Alternative: Sportprothese

Christina recherchierte im Web, ob es Möglichkeiten gebe, wie sie trotz Prothese dennoch ihr Training steigern könnte. Unterdessen wuchs auch ihre Fan-Gemeinde auf den Social-Media-Kanälen, in der sie als Sportlerin mit Handicap eine Nische bedient. Immer mehr Personen mit körperlicher Einschränkung, aber auch ohne treten mit der gebürtigen Bambergerin in Kontakt. Sie teilen Erfahrungen, sprechen ihr Respekt aus und merken, dass es noch mehr Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Irgendwann stößt Christina auf die Möglichkeit einer Sportprothese, einer Feder, wie sie auch von den Sprintern der Paralympics getragen werden.

Von da an zeigt die 24-Jährige noch mehr Präsenz auf ihren sozialen Kanälen. Die Zuschauer werden auf die abenteuerliche Reise mit zu ihrem „neuen Bein“ genommen, ihrem „Sportwagen“. Ein Blick auf Youtube lässt mir Gänsehaut aufkommen: Vom ersten Schritt mit der neuen Feder bis hin zum ersten Sprint, wobei sich Christina nicht in Understatement probt – gleich geht es eine gefühlt 300-Stufen-Treppe im Vollkaracho nach oben. Man hört und spürt als Zuschauer die besondere Stimmung, die sie mit diesem Video festhält.

Christina Prosthetics: Die Geschichte vom Aschenputtel, das seinen Schuh findet

Wohin die Reise geht: Motivation vermitteln

Die Resonanz, die Christina mit ihrem Video und ihrer Social-Media-Aktivität erfährt, ist enorm und vor allem eines, nämlich positiv. Viele fühlen sich von der 24-Jährigen und ihrem Trainingseifer inspiriert. Gerade Personen, die ebenfalls ein Handicap haben, möchte die junge Frau motivieren und dabei unterstützen, Hemmungen abzubauen. Christina teilt ihre Erfahrungen und Erlebnisse auf eine solch authentische Weise, dass es kaum möglich ist, sich nicht von ihr mitreißen zu lassen. Ihre Begeisterung für das neue Bein ist spürbar, auch für ihren Orthopädietechniker, der sie mit einem zwinkernden Auge das Aschenputtel nennt, das endlich seinen Schuh gefunden hat.

„Natürlich habe auch ich einmal einen schlechten Tag: Da wache ich auf, habe Schmerzen und mag einfach nur zu Hause bleiben.“ Gerade diese Aussage unterscheidet den Menschen Christina von vielen Social-Media-Stars, bei denen scheinbar das Glück in der heilen Instagram-Welt mit tollen Filtern unterstrichen wird. Ich merke nach unserem Treffen, dass mich Christina mit ihrer besonderen Art mitgerissen hat. In dieser Woche war ich schon dreimal beim Sport…

Instagram: christina.pro.sthetics
Facebook: Christina Prosthetics

Fotos: Andre Franck

Über den Autor

Johanna Wirsing

Johanna Wirsing

Belgien, Frankreich, Irland - und doch wieder zurück in die Wahlheimat Bamberg. Johanna Wirsing mag neben dem ganz besonderen Flair in der fränkischen 7-Hügel-Stadt auch Kickboxen, lange Spaziergänge mit Hund und Bücher aller Art.